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Vermögensübertrag IV: Wie Liquidität Freiheit schafft und Risiken mitliefert
Sehr geehrte Damen und Herren,
nachdem wir im vorherigen Teil beleuchtet haben, warum Immobilien häufig ein guter Einstieg in den schrittweisen Vermögensübertrag sein können, möchten wir uns nun dem anderen Ende des Spektrums widmen: dem Übertrag von liquidem Vermögen, also Wertpapierdepots oder frei verfügbarem Kapital.
Warum Liquidität finanzielle Freiheit schafft und Entscheidungen verändert
Kaum eine Form des Vermögens wirkt unmittelbarer: Liquides Vermögen verändert Ihre Situation sofort. Es schafft Handlungsspielräume, finanzielle Unabhängigkeit und meist ein völlig neues Sicherheitsgefühl. Anders als bei Immobilien entsteht der Effekt nicht irgendwann in der Zukunft, sondern unmittelbar. Das übertragene Vermögen kann (weiter) investiert, für den Vermögensausbau genutzt oder für wichtige Lebensentscheidungen verwendet werden: Ob als Eigenkapital für die erste eigene Immobilie, Startkapital für eine Unternehmensgründung oder für mehr finanzielle Freiheit im Berufsleben – der Effekt ist direkt spürbar.
Genau darin liegt gleichzeitig ein Risiko. Denn jederzeit verfügbares liquides Vermögen erfordert ein hohes Maß an Reife, Disziplin und Urteilsvermögen. Vermögen zu besitzen, ist das eine. Es sinnvoll zu verwalten, etwas völlig anderes.
Gerade junge Menschen können dabei schnell unter toxischen Einfluss gelangen: Pinocchio-Banker mit Verkaufsinteressen, Finfluencer mit vermeintlich einfachen Erfolgsgeschichten oder das eigene Umfeld können Entscheidungen massiv beeinflussen.
Und manchmal ist die Versuchung schlicht menschlich: das Traumauto, die überdimensionierte Wohnung oder ein Lebensstil, der sich plötzlich (wenn auch vermutlich nur vorübergehend) problemlos finanzieren lässt.
Depot übertragen oder Geld verschenken: Worauf Sie achten sollten
Natürlich spricht nichts dagegen, Geld auch zu genießen. Wir betonen selbst immer wieder, dass Vermögen Spielräume eröffnen und Lebensqualität schaffen soll. Problematisch wird es dann, wenn Entscheidungen nicht bewusst getroffen werden und Vermögen konsumiert wird, bevor überhaupt ein stabiles Fundament entstanden ist.
Dieses Risiko wird verstärkt, weil liquides Vermögen abstrakt wirkt. Ein großes Depot oder ein hoher Kontostand vermittelt häufig Sicherheit – selbst dann, wenn die Erfahrung fehlt, mit Schwankungen, Risiken oder größeren Summen umzugehen. Gerade in volatilen Marktphasen zeigt sich dann schnell, wie emotional Geldanlage tatsächlich sein kann.
Eine rein finanzielle Transaktion, ohne dass eine gewisse Erwartungshaltung und ein Wertegerüst mit vermittelt wurden, ist hochproblematisch. Wir empfehlen daher, liquide Vermögensüberträge besonders zu begleiten: Etwa durch Gespräche, die Vermittlung finanzieller Bildung und klare Strukturen. Ein guter Honorarberater kann Sie genau dabei unterstützen. Und noch wichtiger: Kinder beobachten sehr genau, was Sie ihnen vorleben, sprich wie glaubwürdig die von Ihnen postulierten Werte sind.
Schrittweise Vermögensübertragung: Wie Sie Risiken bei Liquidität reduzieren
So ist es eine naheliegende Möglichkeit, nicht sofort sehr große Summen zu übertragen, sondern zunächst mit kleineren Beträgen zu beginnen. Für einen jungen Menschen können 20.000 oder 30.000 Euro eine erhebliche Summe sein, die Freiräume schafft und das Leben maßgeblich beeinflusst. Gleichzeitig sind solche Beträge in der Regel nicht so hoch, dass einzelne Fehlentscheidungen das weitere Leben nachhaltig prägen.
Das ermöglicht eigene Erfahrungen. Junge Menschen lernen, wie es sich anfühlt, Geld anzulegen, Entscheidungen zu treffen, Fehler zu machen und die Konsequenzen zu tragen. Solche Erfahrungen sind wertvoller als jede theoretische Finanzbildung.
Dabei sollten Sie auch beachten, dass nicht nur der Vermögensübertrag selbst sich gestalten lässt, sondern auch der Weg dorthin. Denn vielen Eltern geht es nicht nur darum, Vermögen weiterzugeben. Sie möchten langfristiges Denken, Disziplin und gesunde finanzielle Gewohnheiten fördern. Idealerweise beginnt finanzielle Bildung nicht mit der ersten größeren Schenkung, sondern schon Jahre vorher.
Dabei müssen sinnvolle Lösungen nicht kompliziert sein. Ein Mandant von uns hat dafür einen bemerkenswert einfachen und effektiven Ansatz gewählt: Er verdoppelt den Betrag, den seine Kinder monatlich zur Seite legen. Je mehr die Kinder selbst langfristig investieren und sparen, desto höher fällt der Zuschuss der Eltern also aus. Konsum wird nicht bestraft – aber langfristiges Denken wird aktiv belohnt. Die Kinder entwickeln zuerst ein eigenes Verhalten, bevor größere Vermögen übertragen werden.
Denn ein Vermögensübertrag sollte nicht nur Vermögen weitergeben, sondern idealerweise auch Fähigkeiten vermitteln: Geduld, Verantwortung und den Umgang mit finanziellen Spielräumen.
Doch selbst wenn geklärt ist, welche Vermögenswerte übertragen werden sollen, bleibt eine zentrale Frage offen: Müssen eigentlich alle Kinder dasselbe erhalten? Damit beschäftigen wir uns im nächsten Teil der Reihe.
Alles Liebe
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter nachdenken@neunundvierzig.com.
Die drei bisherigen Beiträge zum Vermögensübertrag:
- Vermögen kann zur Herausforderung werden, da es Selbstwahrnehmung und Motivation maßgeblich beeinflusst.
- Daher sollten Sie sich vor einem Vermögensübertrag Fragen stellen, die weniger die finanzielle als die emotionale Ebene betreffen.
- Wenn Sie eine Immobilie übertragen, ist das Vermögen deutlich weniger flexibel verfügbar, bringt aber auch Vorteile: Etwa langfristiges Denken und einen konkreten Bezug.
Außerdem listen wir auf unserer Website stets alle aktuellen Veröffentlichungen auf, etwa Kolumnen, Gastbeiträge, Podcasts und Videos. Schauen Sie gerne vorbei, zum Beispiel die aktuelle Spiegel-Kolumne von Nikolaus Braun zur spannenden Frage, wie ein Vermögen (in der Theorie) optimal aufgeteilt werden kann. Oder den SZ-Depotcheck, in dem er beschreibt, wie Sie mit wenig Aufwand Vermögen für die Altersvorsorge aufbauen.