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Vermögensübertrag II: Vermögen mit Augenmaß übertragen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Im ersten Teil unserer Serie zum Vermögensübertrag haben wir aufgezeigt, wie gut gemeintes Verschenken und wie eine an sich wünschenswerte finanzielle Sicherheit Motivation und Selbstwert untergraben und Ihre Kinder überfordern können.
Wie lässt sich also Vermögen so übertragen, dass es stärkt – ohne zur Hängematte zu werden?
Vermögen übertragen: Timing, Dosierung und Gespräche
Unsere Erfahrung zeigt: Sie sollten sich sehr genau überlegen, wann, wie und in welcher Form Sie Vermögen auf die nächste Generation übertragen. Die steuerliche Optimierung – etwa durch die Ausnutzung von Freibeträgen – ist nur ein Aspekt. Und oft nicht der wichtigste. Mindestens genauso relevant sind dabei andere, oft unbequemere Fragen:
- Wie offen gehe ich mit meinen Vermögensverhältnissen um – und zu welchem Zeitpunkt ist diese Transparenz sinnvoll?
- Sind meine Kinder emotional und fachlich in der Lage, die damit verbundene Verantwortung zu tragen?
- Unterstützt dieser Schritt ihre persönliche Entwicklung – oder besteht die Gefahr einer Überforderung?
- Haben sie ausreichend Wissen und Urteilsvermögen, um nicht den Versprechungen des Provisionsvertriebs zu erliegen?
- Wie weit sollen Zugriffs- und Entscheidungsmöglichkeiten tatsächlich reichen?
- Und braucht es für bestimmte Szenarien klare Rückhol- oder Sicherungsmechanismen?
Warum Vorbereitung beim Vermögensübertrag entscheidend ist
Kommunizieren Sie viel miteinander. Bereiten Sie Ihre Kinder behutsam vor. Führen Sie intensive Gespräche innerhalb der Familie. Wie es James Grubman in seinem wunderbaren Buch Strangers in Paradise ausgeführt hat: Eine rein finanzielle Transaktion ohne intensive Kommunikation ist hochgefährlich. Die emotionale Ebene und die Wertebene sind mindestens so entscheidend wie die finanziellen, steuerlichen und juristischen Aspekte:
- Welche Erwartungen, Sorgen, Hoffnungen und Wünsche haben Sie?
- Welche haben Ihre Kinder?
- Gibt es unausgesprochene Interessenskonflikte?
- Gibt es Vermögenswerte, die für einen (frühen) Vermögensübertrag besser geeignet sind als andere?
Bevor Sie Geld übertragen, sollten Sie das klären. Noch haben Sie die Möglichkeit, Dinge zu erklären – gerade dann, wenn es oft unmöglich ist, alle Kinder völlig gleich zu behandeln. Häufig stellt sich heraus, dass Kinder und Eltern in vielen Dingen ähnlich denken, ohne dass ihnen das bewusst ist.
Je größer das Vermögen, desto wichtiger ist diese Phase. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Verantwortung. Nie wieder wird es so leicht sein, einen Konsens herzustellen und Konflikte auszuräumen.
Wie ein Honorarberater Sie beim Vermögensübertrag unterstützen kann
In vielen Fällen ist es sinnvoll, einen unabhängigen Dritten einzubeziehen. Einen neutralen Sparringspartner, der hilft, Motive, Erwartungen und Befürchtungen zu reflektieren und zu moderieren.
Wir sind fest davon überzeugt: Ein guter Berater sollte nicht nur finanziell, steuerlich und juristisch optimieren können. Er sollte auch bei diesen Fragen sprechfähig sein. Denn es gibt weder eine Standardlösung noch einen Königsweg und auch nicht die perfekte Konstruktion. Wenn wir als Berater in solche Gespräche gehen, dann nicht, weil wir unseren Mandantinnen und Mandanten unsere Sicht der Dinge verordnen wollen, sondern, weil wir ihnen helfen, ihre eigenen Gedanken zu ordnen, zu formulieren und in eine konkrete Umsetzung zu bringen.
Dass wir dann zum richtigen Zeitpunkt auch die notwendige juristische und steuerliche Expertise mit an den Tisch holen und den Übertrag auch finanziell optimieren wollen, versteht sich von selbst. Aber das können immer erst die nächsten Schritte sein.
Am Ende geht es um das Abwägen von Chancen und Risiken – nicht nur finanzielle Fragen. Es geht um Werte.
Vermögen ist ein mächtiges Werkzeug. Es kann Sicherheit geben, Freiheit ermöglichen und Entwicklung fördern. Aber nur dann, wenn es richtig eingesetzt wird.
Übertragenes Vermögen sollte unterstützen – nicht tragen.
Nicht ersetzen, was Menschen selbst lernen müssen.
Und nicht verhindern, was sie stark macht.
Alles andere ist gut gemeint – und manchmal genau das Problem.
Alles Liebe
Stefan Heringer
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter: nachdenken@neunundvierzig.com
Vier weitere Beiträge zu Generationen und Familie:
- Bei einem Vermögensübertrag gelten Freibeträge und Progressionsstufen, die Sie im Auge behalten sollten. Mehr dazu erfahren Sie in den weiteren Teilen der Reihe.
- Unabhängig davon, ob bereits Vermögen übertragen wird, ist eine Vorsorgevollmacht praktisch immer ein Muss. Zusätzlich gehört ein Testament in fast allen Fällen zu einer soliden Nachfolgeplanung.
- Ganz eigene Fragen treten auf, wenn Unternehmer:innen nachdenken, ob die eigenen Kinder ihre Nachfolger im Unternehmen sein sollen.