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Vermögensübertrag VI: Müssen Kinder gleich viel erben? Der Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit
Sehr geehrte Damen und Herren,
im vorherigen Teil unserer Reihe haben wir die Frage diskutiert, ob alle Kinder beim Vermögensübertrag zwangsläufig dieselben Vermögenswerte erhalten müssen. Unsere Antwort lautete: Nicht unbedingt. Denn unterschiedliche Menschen haben verschiedene Interessen, Fähigkeiten und Vorstellungen davon, wie sie mit Vermögen umgehen möchten.
Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die nächste Frage: Müssen alle Kinder überhaupt gleich hohe Vermögenswerte erhalten?
Darin steckt ein sehr hohes emotionales Konfliktpotenzial. Während sich unterschiedliche Vermögensarten (Immobilien, Depots, Sachwerte) häufig sachlich begründen lassen, berührt eine ungleiche Vermögensverteilung schnell das persönliche Gerechtigkeitsempfinden. Die meisten Eltern haben deshalb nachvollziehbar einen starken Reflex: Alle Kinder sollen gleich viel bekommen. Doch auch hier lohnt sich manchmal ein zweiter Blick. Denn Kinder starten nicht immer mit denselben Voraussetzungen ins Leben – und sie begegnen ihm auch nicht immer unter denselben Bedingungen.
Gleichheit oder Gerechtigkeit: Was zählt beim Vererben wirklich?
Stellen Sie sich zwei Geschwister vor: Die Tochter hat eine erfolgreiche Arztpraxis aufgebaut, beschäftigt fünfzehn Mitarbeiter und verfügt über ein sehr hohes Einkommen sowie hervorragende Zukunftsperspektiven. Sie hat sich über Jahre ein stabiles berufliches und finanzielles Fundament geschaffen. Ihr Partner ist ebenfalls beruflich erfolgreich und die Familie verfügt dadurch über eine sehr komfortable finanzielle Situation.
Ihr Bruder hat zwar ebenfalls hart gearbeitet und Verantwortung übernommen. Doch das Leben hatte leider andere Pläne. Nach dem frühen Tod seiner Frau zieht er seine zwei noch minderjährigen Kinder allein groß und muss Familie und Beruf täglich miteinander vereinbaren. Seine Herausforderungen sind andere geworden als die seiner Schwester. Gleichzeitig sind seine finanziellen Spielräume deutlich kleiner.
Ist es in einer solchen Situation wirklich selbstverständlich, beide exakt gleich zu behandeln? Vermutlich spüren auch Sie intuitiv, dass die Realität oft komplizierter ist. Kinder unterscheiden sich in ihren Lebenswegen, Herausforderungen und finanziellen Bedürfnissen.
Wann eine ungleiche Vermögensverteilung sinnvoll sein kann
Noch deutlicher wird dieser Gedanke, wenn gesundheitliche Einschränkungen ins Spiel kommen. Stellen Sie sich vor, eines Ihrer Kinder ist aufgrund einer körperlichen oder psychischen Erkrankung dauerhaft beeinträchtigt, weniger belastbar oder in seinen beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt. Es wird wahrscheinlich niemals dieselben Einkommens- und Vermögensperspektiven entwickeln können wie seine Geschwister.
In einer solchen Situation würden die wenigsten Eltern rein nach dem Prinzip der mathematischen Gleichheit entscheiden. Und wahrscheinlich würden auch die Geschwister nachvollziehen können, warum hier besondere Unterstützung sinnvoll sein kann. Es gibt Situationen, in denen zusätzliche Unterstützung für ein Kind einen deutlich größeren Unterschied macht als für ein anderes.
Das bedeutet nicht, dass erfolgreiche Kinder „bestraft“ oder andere „belohnt“ werden sollten. Aber es bedeutet, dass Gleichheit und Gerechtigkeit nicht immer dasselbe sind. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, mangelnde Eigenverantwortung zu belohnen oder gar unterschiedliche Lebensentscheidungen zu bewerten. Es geht vielmehr um die Frage, wie mit außergewöhnlichen Lebensumständen umgegangen werden soll, auf die Menschen oftmals nur begrenzten Einfluss haben.
Wie Familien mit sensiblen Entscheidungen besser umgehen können
Entscheidend ist dabei – wie schon bei der Frage, welche Vermögenswerte an wen weitergegeben werden – vor allem eine transparente Kommunikation. Werden die Beweggründe offen und ehrlich erklärt, reagieren Kinder häufig sehr verständnisvoll.
Die erfolgreiche Tochter aus unserem Beispiel wird in vielen Fällen nachvollziehen können, warum ihr Bruder als alleinerziehender Vater zusätzliche Unterstützung erhält. Vermutlich würde sie die Entscheidung sogar selbst für richtig halten.
Deshalb sollten solche Überlegungen nicht erst im Testament auftauchen: Sie gehören an den Familientisch!
Wer offen darüber spricht, warum sie oder er bestimmte Entscheidungen trifft, schafft Verständnis. Und Verständnis ist oft wichtiger als die exakte Höhe eines Vermögensanteils.
Manchmal lautet die gerechteste Antwort eben nicht: Alle bekommen gleich viel, sondern: Alle bekommen das, was sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation am meisten unterstützt.
Alles Liebe
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter: nachdenken@neunundvierzig.com
P.P.S.: Drei weitere Beiträge zu Erbe und Vermögensnachfolge:
- Im zweiten Teil unserer Reihe habe ich bereits vorgestellt, wie ein vorzeitiger Vermögensübertrag sinnvoll gestaltet werden kann. Denn der Erbfall ist selten die beste Situation, eine gerechte Verteilung umzusetzen.
- Nachdem Sie eine durchdachte und gerechte Regelung getroffen haben, ist ein Testament notwendig, um den Erbfall auch rechtssicher zu gestalten.
- Erben führt besonders dann zu Streit, wenn unter Geschwistern Neid herrscht: Eine Geschichte zu zwei Brüdern, die sich ganz auf die Frage ausrichteten: „Wen hatten Mama und Papa am liebsten?“