Erfolg
13%
Ein ganz heißer Aktientipp
Sehr geehrte Damen und Herren,
Geht es Ihnen auch so? Mir zumindest fällt bei der extremen Hitze der letzten Wochen vieles schwerer – insbesondere, mich zu konzentrieren. Und wenn ich mir anschaue, was so regelmäßig in meiner Inbox landet, dann scheine ich nicht der Einzige in der Finanzbranche zu sein, dessen Denkfähigkeit derzeit etwas eingeschränkt ist.
Investieren in der Hitzewelle
So erreichte mich vor wenigen Tagen ein wirklich heißer Aktientipp: Aufgrund der extremen Hitzewelle in Europa mit teils über 40 °C und rund 10.000 Hitzetoten würden sich derzeit interessante Geschäftschancen für Klimaanlagenbauer ergeben. Umso mehr, als in Europa erst rund 20 % der Gebäude mit Klimaanlagen ausgestattet seien, während es in den USA etwa 90 % seien.
Eine wirklich bahnbrechende Erkenntnis!
Doch das ist noch längst nicht das gesamte Geheimwissen, das der Newsletter großzügig mit seinen Lesern teilt: Besonders aussichtsreich sei, warum auch immer, der japanische Klimaanlagenhersteller Daikin mit einem Marktanteil von über 13 %.
Zwei Portfolios haben die Aktie bereits
Und jetzt kommt es faustdick:
Auf der Plattform, die für den Newsletter verantwortlich ist, gäbe es tatsächlich zwei Portfolios, die bereits in diesen Wert investiert seien und damit bemerkenswerte Ergebnisse erzielt hätten.
Nun wollen wir nicht kleinlich sein und darauf herumreiten, dass eines dieser Portfolios den Wert bereits seit vielen Jahren hält und die Position Daikin seit der Erstinvestition inzwischen gut 30 % im Minus liegt. Immerhin hat der verantwortliche „Manager“ ja vor Kurzem beherzt nachgekauft.
Warum das kein Investmentargument ist
Und dennoch ist der Inhalt des Newsletters in mehrfacher Hinsicht blanker Unsinn.
Erstens: Auf der besagten Plattform gibt es über 25.000 verschiedene Portfolios, davon gelten etwa 8.000 bis 9.000 als investierbar. Da müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn darunter nicht wenigstens zwei den japanischen Klimaanlagenbauer im Portfolio hätten und dabei eine einigermaßen vorzeigbare Performance erzielt hätten. Wie kleinteilig und irrelevant die beworbenen Portfolios sind, zeigt sich allein schon am investierten Volumen von sage und schreibe 540.000 beziehungsweise 25.000 Euro.
Zweitens: Dass es in den letzten Wochen außergewöhnlich heiß in Europa und insbesondere in Deutschland war, qualifiziert nun wirklich nicht als Geheimwissen. Ebenso wenig die Tatsache, dass wir in Zukunft wohl häufiger mit solchen extremen Hitzeperioden rechnen müssen.
Dementsprechend ist auch die Erkenntnis, dass Klimaanlagenhersteller davon profitieren könnten, alles andere als neu. Es handelt sich um einen Umstand, der längst in der Preisbildung am Markt berücksichtigt wird.
Immer wieder wurde nachgewiesen, dass das Investieren in naheliegende Trendthemen statistisch zu einer signifikanten Underperformance gegenüber einem breiten Vergleichsindex führt. Zuletzt haben Ben-David, Franzoni et al. nachgewiesen, dass solche Fonds in den ersten fünf Jahren 30 % Underperformance gegenüber einem fairen Vergleichsindex „erzielt“ haben.
Was hat das mit der Finanzindustrie zu tun?
Meine eigene Konzentrationsfähigkeit leidet während der Arbeitszeit übrigens kaum unter der Hitze, dank einer Klimaanlage von Daikin. Ob eine etwas kühlere Betriebstemperatur dem Verfasser des oben genannten Newsletters geholfen hätte, das multiple Denkversagen in seinem Beitrag zu vermeiden, sei dahingestellt.
Am Ende liegt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht an den hohen Außentemperaturen, sondern am System des permanenten Nonsens, den die Finanzindustrie tagtäglich produziert. Deren Job ist es nicht, dass Sie Ihr Vermögen klug investieren, sondern dass Sie deren Produkte kaufen.
Alles Liebe
Nikolaus Braun
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter: nachdenken@neunundvierzig.com
P.P.S.: Weitere Beiträge zu vermeintlichen Renditechancen am Kapitalmarkt:
- Bestimmt haben Sie schon etwas von Megatrends gehört, Urbanisierung, Digitalisierung, etc. Nicht verwunderlich, dass es dazu passende Anlagestrategien gibt – allerdings mit einer sehr bescheidenen Bilanz.
- Genauso bekannt ist vermutlich die Geschichte vom genialen Fondsmanager, die einer kritischen Betrachtung aber nicht standhält.
- Besser ist es, sich die nüchternen Zahlen zur Performance aktiv gemanageter Fonds anzusehen
- Übrigens ist am Montag meine aktuelle Spiegel-Kolumne erschienen, und zwar zur spannenden Frage, wie ein Vermögen (in der Theorie) optimal aufgeteilt werden kann. Außerdem listen wir auf unserer Website stets alle aktuellen Veröffentlichungen auf, etwa Kolumnen, Gastbeiträge, Podcasts und Videos. Schauen Sie gerne vorbei.