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Wie sähe Deutschland aus, wenn Architekten wie Finanzberater arbeiten würden?
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn Architektur in Deutschland so funktionieren würde wie Finanzberatung, dann würde sich Ihr Architekt stundenlang mit Ihnen darüber unterhalten, welche Ziegel die besten sind, welche Elektrokabel am leistungsfähigsten sind und ob Holzdielen oder Fliesen die richtige Wahl wären.
Wenn Sie sehr viel Glück hätten, würde er tatsächlich die besten Baumaterialien für Sie zusammenstellen. Mit noch mehr Glück ließe sich daraus sogar ein Haus bauen, in dem Ihre Familie irgendwie unterkommt.
Wenn Sie Pech hätten, würde Ihnen der Architekt vor allem die Materialien empfehlen, bei denen er von seinen Lieferanten die größten Kickbacks erhält – also das höchste Bestechungsgeld. Ob daraus am Ende ein funktionierendes Haus entsteht? Vielleicht. Ob Sie sich mit Ihrer Familie darin wirklich wohlfühlen? Eher nicht. Denn Sie haben nicht mit einem Architekten geredet, sondern mit einem Baustoffhändler.
Was ein guter Architekt zuerst tun sollte
Sollte eine gute Architektin nicht vielmehr zuerst fragen, wie Sie leben wollen – und mit wem? Sie sollte zuerst verstehen, wie Ihr Alltag aussieht, welche Räume Sie wirklich brauchen und welche Rolle Ihr Zuhause für Sie spielt. Sie sollte sich damit beschäftigen, wo Orte der Begegnung entstehen können und wo Rückzugsorte sinnvoll sind.
Welche Qualitäten sollte ein Raum haben, in dem Sie gerne schlafen, arbeiten oder essen? Empfangen Sie häufig Gäste oder leben Sie eher zurückgezogen? Ist Ihnen eine schöne Aussicht oder ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe wichtiger? Auf Basis dieser Fragen sollte ein Entwurf entstehen, der wirklich zu Ihnen, Ihrem Leben und Ihren Prioritäten passt.
Und ist es nicht selbstverständlich, dass eine Architektin anschließend genau für diesen Entwurf die passenden Materialien und die geeignete Konstruktion auswählt, ohne sich Geld von den Lieferanten zustecken zu lassen? Natürlich arbeiten nicht alle Architektinnen und Architekten so. Aber die meisten verstehen ihren Beruf genau in diesem Sinne: als ganzheitliche Aufgabe – und sicher nicht als Verkauf von Baustoffen.
Was macht gute Finanzberatung aus?
Wann hat Ihr Finanzberater Sie das letzte Mal gefragt, wie Sie leben wollen – und mit wem? Hat er sich dafür interessiert, warum Geld für Sie wichtig ist? Was für Sie Sicherheit bedeutet und was Freiheit für Sie persönlich heißt?
Hat er mit Ihnen darüber gesprochen, wovor Sie sich fürchten, was auf keinen Fall passieren darf und welche Träume Sie haben? Wie Sie Ihre Zeit verbringen wollen? Für wen Sie Verantwortung tragen? Und schließlich, wie er dazu beitragen kann, dass Sie ein gelasseneres Leben führen können?
Wenn Sie in Deutschland leben, ist das eher unwahrscheinlich. Vermutlich hat Ihr Finanzberater mit Ihnen über die Märkte schwadroniert oder Ihnen die „Opportunitäten“ eines bestimmten Produkts erklärt. Im schlimmsten Fall hat er das mit einer passenden Geschichte über einen genialen Fondsmanager verbunden.
Provisionen und Fehlanreize: Das eigentliche Problem der Branche
Solange es in Deutschland keine klaren Mindeststandards für relevante Finanzberatung gibt, kein Provisionsverbot und keine verbindlichen Vorgaben, die gesamte Lebenssituation eines Kunden zu verstehen und in eine langfristige Planung einzubeziehen, wird sich daran wenig ändern. Dann wird es in dieser Branche weiterhin hauptsächlich Baustoffhändler und kaum Architekten geben. Schade.
Alles Liebe
Nikolaus Braun
P. S.: Ich freue mich über Ihre Gedanken an nachdenken@neunundvierzig.com. Drei weitere Beiträge, die konkretisieren, was wir unter guter Finanzberatung verstehen:
- Honorarberatung ist für uns nicht nur ein Preismodell, sondern eine Haltung, die unsere Herangehensweise prägt.
- Ganz wichtig dabei ist uns, dass wir Menschen nicht rein rational handeln, sondern Emotionen eine große Rolle spielen – die wir auch in der Beratung berücksichtigen müssen.
- Wenn eine gute Beraterin wie eine Architektin handelt, dann geht ein schlechter Berater vor wie ... Leonardo Da Vinci. Wie bitte? Warum dieser Vergleich nichts gegen das Universalgenie aussagt, wohl aber gegen das Selbstverständnis konventioneller Produktverkäufer.