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Liquiditätsmanagement: Warum es klüger ist, Zeit zu kaufen, als in die Kristallkugel zu schauen
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor einiger Zeit haben wir erläutert, warum die ersten Jahre nach Rentenbeginn für Anlegerinnen und Anleger besonders kritisch sein können. Das sogenannte Sequence-of-Return-Risiko sorgt dafür, dass schlechte Börsenjahre zu Beginn der Entnahmephase deutlich gravierendere Folgen haben können als dieselben Schwankungen viele Jahre später.
Mehrere Leser haben uns daraufhin gefragt, wie man mit diesem Risiko in der Praxis konkret umgehen kann.
Warum es keinen Sinn macht Märkte zu prognostizieren
Ein wissenschaftlich informierter Ansatz unterscheidet sich deutlich von dem vieler Vermögensverwaltern, die versuchen, Marktbewegungen aktiv vorherzusagen. Wie wir hier immer wieder betonen, zeigen zahlreiche Studien seit Jahrzehnten, dass es praktisch niemandem gelingt, Kapitalmärkte dauerhaft erfolgreich zu timen. Wer den Ausstieg oder vor allem den Wiedereinstieg verpasst, richtet mehr Schaden an, als er vermeiden wollte.
Wir versuchen deshalb nicht, die nächste Korrektur vorherzusagen. Wir halten es für wesentlich klüger Zeit zu kaufen. Zeit ist in Börsenkrisen oft der wertvollste Rohstoff. Wer nicht verkaufen muss, kann schlechte Marktphasen aussitzen.
Konkret sollten Sie für den geplanten Vermögensverbrauch der nächsten rund drei Jahre einen separaten Liquiditätstopf vorhalten. Je nach Sicherheitsbedürfnis der Mandanten kann dieser Puffer auch vier oder fünf Jahre betragen.
Der Liquiditätstopf kauft Zeit
Dieser Baustein verfolgt bewusst ein anderes Ziel als der restliche Teil des Portfolios. Es geht nicht darum, möglichst hohe Renditen zu erzielen, sondern um Stabilität, Fungibilität (Austauschbarkeit sowie Möglichkeit zur Stückelung ohne Wertverlust) und darum, jederzeit auf das Geld zugreifen zu können. Den gewünschten Vermögensverbrauch sollten Sie deshalb nicht aus dem strategischen Wertpapierportfolio, sondern aus diesem Liquiditätstopf entnehmen. Je nach Wunsch können Sie die Auszahlung monatlich, quartalsweise oder auch einmal jährlich organisieren. So bleibt die Finanzierung des laufenden Lebensunterhalts von den täglichen Schwankungen an den Kapitalmärkten weitgehend entkoppelt.
Deshalb sollten Sie hier ausschließlich auf kurzlaufende Anleihen bester Bonität setzen. Die Rendite einer Anleihe wird im Wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt: ihrer Laufzeit und der Qualität des Schuldners. Je länger Kapital gebunden ist, desto höher fällt in der Regel die Verzinsung aus. Dafür reagieren Anleihen mit längerer Laufzeit auch deutlich empfindlicher auf Zinsänderungen und unterliegen stärkeren Kursschwankungen. Auch bei Schuldnern mit schlechterer Bonität, gibt es einen höheren Zinssatz. Logisch: höheres Ausfallrisiko, höhere Risikoprämie. Beides brauchen Sie im Liquiditätsbaustein nicht. Sie dürfen weder unnötige Laufzeitrisiken eingehen noch zusätzliche Kreditrisiken kaufen, um ein paar Basispunkte mehr Rendite zu erzielen. Denn dieser Baustein ist nicht der Renditetreiber, sondern hat eine andere Aufgabe.
Der Liquiditätstopf ist deshalb bewusst maximal langweilig. Und genau das ist seine größte Stärke. Denn Sie sollen in einem Börseneinbruch nicht gezwungen sein, Aktienanteile zu ungünstigen Kursen zu verkaufen, um den laufenden Lebensunterhalt zu finanzieren. Stattdessen greifen Sie zunächst auf den Liquiditätstopf zurück. Entwickeln sich die Kapitalmärkte positiv, füllen Sie diesen Topf im Rahmen des Rebalancings jährlich wieder auf. Entwickeln sie sich schlecht, können Sie stattdessen noch mehrere Jahre abwarten.
Warum der Sicherheitspuffer Rendite kosten darf
Ja, dieser Sicherheitspuffer kostet langfristig etwas Rendite. Wir halten das jedoch für einen ausgesprochen fairen Preis. Denn Stabilität und Gelassenheit lassen sich in Börsenkrisen nicht nachkaufen.
Diese Struktur hat noch einen weiteren Vorteil: Mit zunehmendem Alter sinkt die Aktienquote automatisch. Während der Liquiditätstopf in seiner Zielgröße weitgehend konstant bleibt, reduziert sich das investierte Vermögen durch den laufenden Vermögensverbrauch nach und nach. Dadurch sinkt auch der Aktienanteil in absoluten Zahlen – und damit automatisch das Gesamtrisiko.
Entscheidend ist dabei nicht, ob der Sicherheitspuffer drei, vier oder fünf Jahre umfasst, sondern der Gedanke dahinter: Sie können den nächsten Börseneinbruch nicht vorhersehen. Stellen Sie sich also so auf, dass sie darauf nicht angewiesen sind.
Prognostizieren Sie keine Märkte. Kaufen Sie sich Zeit. So können Sie Ihren gewünschten Vermögensverbrauch planbar entnehmen – unabhängig davon, ob die Börsen gerade neue Höchststände erreichen oder sich mitten in einer Korrektur befinden.
Alles Liebe
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter nachdenken@neunundvierzig.com.
P.P.S.: Weitere Beiträge zu Ruhestand und Strategie:
- Die Reihenfolge von Renditen am Kapitalmarkt entscheidet im Ruhestand maßgeblich, wie sich das Vermögen entwickelt. Zum Hintergrund, warum der Liquiditätspuffer wichtig ist.
- Die Folgen des Reihenfolgerisikos (Sequence of Return Risk) haben wir auch in einem Beispiel durchgerechnet und veranschaulicht.
- In einer vierteiligen Reihe zum Kapitalverbrauch im Alter befassen wir uns damit, wie Sie Fehler vermeiden, welche Strategien sinnvoll sind, wie Sie mit der unvermeidbaren Unsicherheit umgehen und welche emotionalen Aspekte eine Rolle spielen.
Drei kurze Fragen zum Liquiditätsmanagement
Was ist ein Liquiditätspuffer im Ruhestand?
Ein Liquiditätspuffer ist ein separater Vermögensteil, aus dem die geplanten Entnahmen der nächsten Jahre finanziert werden. Dadurch müssen Wertpapiere in einer Börsenkrise nicht zwingend verkauft werden.
Warum werden für den Liquiditätspuffer kurzlaufende Anleihen genutzt?
Kurzlaufende Anleihen guter Bonität unterliegen üblicherweise geringeren Schwankungen als langfristige Anleihen oder Aktien. Im Liquiditätspuffer steht deshalb Stabilität vor Rendite.
Warum ist der Liquiditätspuffer sinnvoll, obwohl er Rendite kostet?
Der Liquiditätspuffer hilft, schlechte Marktphasen zu überbrücken. Das erhöht die Flexibilität bei Entnahmen und reduziert den Druck, in ungünstigen Marktphasen Vermögenswerte zu verkaufen.