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Vermögensübertrag V: Gleich ist nicht immer gerecht
Sehr geehrte Damen und Herren,
muss ich alle Kinder exakt gleich behandeln? Je konkreter die Planung eines Vermögensübertrags wird, desto häufiger taucht diese Frage auf. Sie wird oft deutlich emotionaler diskutiert als steuerliche Freibeträge, Nießbrauch oder Gesellschaftsverträge.
Für viele Eltern gehört die Gleichbehandlung ihrer Kinder zu den wichtigsten Grundsätzen überhaupt. Schließlich möchte niemand den Eindruck erwecken, ein Kind zu bevorzugen oder ein anderes zu benachteiligen. Insofern beantworten die meisten Eltern diese Frage spontan sofort mit Ja.
Doch was auf den ersten Blick fair erscheint, ist auf den zweiten Blick nicht immer die beste Lösung. Denn gerechte Nachfolgeplanung bedeutet zumeist mehr, als Vermögenswerte einfach durch die Anzahl der Kinder zu teilen.
Warum Gleichheit nicht automatisch Gerechtigkeit bedeutet
Jedes Kind hat unterschiedliche Interessen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Vorstellungen vom Umgang mit Vermögenswerten. Warum sollte ein Vermögensübertrag diese Unterschiede vollständig ignorieren?
Die eine beschäftigt sich seit Jahren mit Kapitalmärkten und empfindet Kursschwankungen nicht als Bedrohung, sondern als normalen Bestandteil langfristiger Vermögensanlage. Für sie kann ein Wertpapierdepot daher genau der richtige Vermögenswert sein.
Das andere Kind interessiert sich dagegen kaum für Aktien oder Börsennachrichten. Es schätzt Stabilität, Planbarkeit und regelmäßige Einnahmen. Eine vermietete Immobilie mit langfristigen Mietverträgen vermittelt ihm deutlich mehr Sicherheit als ein Wertpapierdepot.
Und vielleicht gibt es noch eine dritte Variante…?
Unterschiedliche Kinder, unterschiedliche Vermögenswerte
Eines Ihrer Kinder ist genauso ein Autonarr wie Sie selbst. Es kennt jede Schraube Ihres alten Porsche, an dem Sie schon gemeinsam in der Garage getüftelt haben, begleitet Sie seit Jahren zu Oldtimer-Treffen und bekommt schon feuchte Hände bei dem Gedanken, dass dieser Wagen eines Tages in seiner eigenen Garage stehen könnte.
Warum sollte ausgerechnet dieses Kind nicht den Oldtimer erhalten, während ein Geschwisterteil lieber ein Depot oder Anteile an einer Immobilie übernimmt? Wer Verantwortung für einen Vermögenswert übernehmen soll, sollte idealerweise auch eine Beziehung zu ihm haben.
Vermögen besteht schließlich nicht nur aus Zahlen auf einem Kontoauszug oder einem Grundbuchauszug. Zu vielen Vermögen gehören Unternehmensanteile, Immobilien, Wertpapierdepots, Kunstwerke, Ferienhäuser ... Und nicht jeder Vermögenswert passt zu jedem Menschen gleichermaßen. Noch wichtiger: Nichts führt erfahrungsgemäß zu so vielen Konflikten wie Erbengemeinschaften, in denen jeder Vermögensgegenstand mit einem gewissen Anteil jedem einzelnen Erben gehört.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Fairness keine Rolle spielt, im Gegenteil. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind meist wichtiger als mathematische Gleichheit. Meine Erfahrung ist, dass Konflikte selten allein darauf beruhen, dass Vermögenswerte unterschiedlich strukturiert sind. Sie entstehen meist dann, wenn Entscheidungen nicht erklärt werden oder Erwartungen unausgesprochen bleiben.
Wie Sie Konflikte beim Vermögensübertrag vermeiden können
Aus meiner Erfahrung machen sich viele Eltern sehr intensive Gedanken darüber, wie sie ihr Vermögen sinnvoll weitergeben können. Doch das ist nur der eine Teil der Gleichung: Ebenso wichtig ist es, die Kinder frühzeitig in diese Überlegungen einzubeziehen.
Häufig zeigt sich dabei, dass Kinder eigene Vorstellungen und Prioritäten haben. Dabei stellt sich oft überraschend heraus, wie ähnlich die Sichtweisen innerhalb der Familie tatsächlich sind. Natürlich sind solche Gespräche keine Garantie für Einigkeit. Sie schaffen aber meist bessere Voraussetzungen für gegenseitiges Verständnis als Entscheidungen, die erst Jahre später überraschend bekannt werden.
Welche Ziele haben Ihre Kinder? Welche Verantwortung möchten sie übernehmen? Welche Vermögenswerte verstehen sie? Womit fühlen sie sich wohl und womit nicht? Welche Wünsche, Sorgen oder Erwartungen verbinden sie mit einem späteren Vermögensübertrag?
Je früher diese Fragen besprochen werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Vermögen nicht nur steuerlich sinnvoll, sondern auch menschlich passend übertragen wird. Das andere Extrem – sein Vermögen ohne jegliche Kommunikation mit den Erben erst nach dem eigenen Tod weiterzugeben – ist nicht nur ein Weg für Feiglinge, er führt auch fast zwangsläufig zu Familienkonflikten.
Am Ende geht es nicht darum, für alle dieselbe Lösung zu finden. Es geht darum, eine Lösung zu finden, die zu den Menschen passt, die eines Tages mit diesem Vermögen leben und Verantwortung dafür übernehmen sollen.
Denn Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe.
Ein guter Vermögensübertrag beginnt deshalb selten mit Verträgen oder steuerlichen Freibeträgen. Er beginnt mit einem offenen Gespräch und vielen guten Fragen. Und manchmal führen diese Gespräche zu einer noch schwierigeren Frage:
Müssen alle Kinder gleich viel erhalten?
Diesen Aspekt beleuchten wir im nächsten Beitrag.
Alles Liebe
P.S.: Ich freue mich auf Rückmeldungen unter: nachdenken@neunundvierzig.com. Außerdem möchte ich Sie an unser Webinar zum Thema Klug entscheiden erinnern, das wir mit Prof. Hartmut Walz am Dienstag, 06. Oktober veranstalten: Hier anmelden.
P.P.S.: Drei weitere Beiträge, die sich einem Vermögensübertrag auf ganz unterschiedliche Art nähern:
- Im vorherigen Beitrag haben wir uns damit beschäftigt, wieso sich eine Immobilie teilweise besonders gut für einen frühen Vermögensübertrag eignet.
- Vor Gesprächen über Geld lohnt es sich, zu überlegen, wie Geld zu Lebensqualität beitragen kann – und wie nicht. Als Inspiration ein Beitrag mit 15 Wegen, sich und andere mit Geld unglücklich zu machen.
- Auch wenn es nicht der Fokus dieses Beitrags ist, lohnt sich ein Blick auf die steuerlichen Regeln, die beim Vermögensübertrag gelten.